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Das Urteil und die Abrechnung: Wir spillen den Tea, warum Linke ständig zanken
Freitagabend, der Gruppenchat fiebert dem Wochenende entgegen, gleich lecker Bierchen im »§129a«, der linken Szenekneipe ums Eck. Doch dann kommts: Einer eurer Genossis schickt ein Statement vom »Roten Untergrund Bottrop e.V.«. Angeblich sollen sich in der Kneipe auch Menschen aufhalten, die nicht die gleiche und einzig richtige linke Meinung haben. Der Schock sitzt tief, eure Gruppe schweigt kurz, dann entbrennt eine heftige Diskussion. Gegenseitiges Wohlwollen und Diskussionskultur werden sofort über Bord geworfen. Stattdessen wird mit Buzzwords wie »Zionazi«, »Israelhasser«, »Putin-Kuschler«, »TERF« und »SWERF« um sich geworfen. Am Ende sitzen alle mit Meinung A in Kneipe B und alle mit Meinung B in Kneipe A. Man lobt sich gegenseitig dafür, die richtigere und vor allem klügere Haltung zu haben.
Ungefähr so läuft es in Teilen der linken Szene ab. Wichtiger als eine Position mit Raum für Zweifel und Wissenslücken scheint es, recht zu behalten. Und zwar in allen Punkten. Dafür ist es notwendig, sich zu allem zu äußern und eine abgeschlossene Analyse zu sämtlichen Krisen parat zu haben. Und natürlich auch die Lösung für all diese Probleme. Genug Zynismus, das Ding ist, am meisten hassen Linke andere Linke. Das trägt dazu bei, dass sich außerhalb der eigenen Filterblase kaum jemand damit auseinandersetzt, was Linke gerade so machen und was sie beschäftigt. Was wohl aber auch daran liegt, dass die Kacke generell ordentlich am Dampfen ist und dass statt Linken Rechte an den Hebeln sitzen und bestimmen, wo der Mief hinzieht.
Trotzdem wollen wir dem endlosen und oft inhaltsleeren Beef, den alle Linken gerade mit allen anderen Linken haben, etwas entgegensetzen. Wie schaffen wir es, Widersprüche, Gleichzeitigkeiten und Zweifel nicht nur in der Theorie anzuerkennen, sondern diesen auch in Diskussionen und Konflikten gerecht zu werden?
Reih dich ein in die Arbeiter:inneneinheitsfront!
Mach’s wie die Linkspartei?! Wegen der überraschend guten Linken-Wahlergebnisse war 2025 eine Aufbruchsstimmung zu verspüren. Vielleicht geht bei der politischen Linken in Deutschland ja doch noch was! Viele sprangen über ihren Schatten und unterstützten – trotz inhaltlicher Differenzen zur Partei und untereinander – den Wahlkampf der Linkspartei. Das gemeinsame Ziel einer linken Partei im Bundestag war wichtiger als Grabenkämpfe.
Die Linkspartei hat dafür (zumindest zeitweise) erkannt, dass es nichts bringt, sich intern weiter die Köpfe einzukloppen. Inhaltliche Differenzen bei Nischenthemen ließ man beiseite, um sich auf die Kerninhalte linker Politik zu konzentrieren. Nur ist die Frage, welche das sind, gar nicht so einfach zu beantworten. Die Antwort der Linkspartei hieß Antifaschismus und Sozialdemokratie – also Milliardär:innen finanziell in die Verantwortung nehmen, sich dem Rechtsruck entschlossen entgegenstellen und so eine wirkliche Brandmauer zur AfD sein.
Auch wenn das Rad damit nicht neu erfunden wurde, war das Linken-Programm anschlussfähig und traf einen Nerv: Zeigte es doch auf, wo aus linker Perspektive der Schuh gerade bei allen am dollsten drückt. Nach jahrelangem Streit und Spaltungen konnten so verschiedenste linke Strömungen für eine Sache zusammenarbeiten.
Einmal den Praxisausweis bitte!
Ist die Lösung des Beefs also, alle Widersprüche auszuklammern und sich nur auf die Gemeinsamkeiten zu konzentrieren? Jein! Natürlich kann man sich einfacher darauf einigen, was an der Wirklichkeit alles schlecht ist und weg soll, als darauf, wie das Gute Leben™ für alle zu erreichen ist. Eine Partei, die sich für einen funktionierenden Sozialstaat ohne Faschisten im Parlament einsetzt, reicht dafür allein jedenfalls nicht. Deshalb braucht es weiterhin die Idee einer besseren Gesellschaft, für die wir als Linke kämpfen – auch wenn der Weg dahin sich nicht so leicht und schon gar nicht so eindeutig benennen lässt.
Wo wir wieder bei der Sache mit den Widersprüchen wären. Und genau da setzt der Beef oft an: Verschmuste Friede-Freude-Eierkuchen-Anarchist:innen haben nämlich ganz andere Analysen als radikalorthodoxe Kampfsportmarxist:innen mit Gegenstandpunkt-Monatsabo. Die einen werfen den anderen vor, dass ihre politische Praxis eigentlich gar keine sei, niemals zur befreiten Gesellschaft führe und falls doch, diese dann doof sei.
Aber ist so eine Diskussion überhaupt schlecht? Egal wen der Streithähne man fragt: Wir sind derzeit weit entfernt von jeder ihrer Zielvorstellungen. Aber gerade deshalb müssen wir darüber streiten, wie eine bessere Gesellschaft aussehen kann und warum sie lebenswerter wäre als der ächzende, selbstzerstörerische Kapitalismus. Der Weg dorthin beginnt in den Köpfen: durch ein (Klassen-)Bewusstsein und Ideen zur gemeinsamen Organisation sowie guten Antworten auf die Krisen dieser Zeit.
Die Umsetzbarkeit darf dabei erst mal nebensächlich sein. Denn waren historisch nicht immer wieder auch Ideen von Bedeutung, die zuvor als unerreichbar gesehen wurden und den Regeln der vorherigen Gesellschaft widersprochen haben? Wir halten es deshalb für einen Irrglauben, dass sich für linke Gegenentwürfe keine Mehrheiten gewinnen lassen. Widersprüche und Konflikte auf dem Weg zum Ziel sind kein Zeichen dafür, dass die Ideen schlecht sind. Vielmehr zeigen sie auf, wie widersprüchlich die Gesellschaft selbst derzeit ist und wie relevant gute linke Antworten sind.
Hass wie noch nie!
Also sollen wir uns doch weiter streiten? Unbedingt! Aber zwischen produktivem Konflikt und gottlosem Ragebaiten gibt es dann ja doch noch kleine Unterschiede. In Instagram-Kommentarspalten zu zeigen, wer am wenigsten Marx gelesen hat, kann zwar kurz witzig sein, gehört aber definitiv in letztere Kategorie. Solche sinnlosen Sticheleien spalten die linke Bewegung an allen Fronten, während Reaktionäre ihre Netzwerke und Strukturen immer mehr ausweiten. Das geht so weit, dass andere Linke als Hauptfeind angesehen werden – und nicht etwa Staat, Nation, Kapital und deren Ideologien.
Statt sich inhaltlich mit Widersprüchen auseinanderzusetzen, werden Meinungsverschiedenheiten in Freund:innenschaften, Bündnissen und Räumen ignoriert oder heruntergespielt, sodass man sich nicht mehr inhaltlich mit ihnen beschäftigen muss. Ganz nach dem Motto: Wenn ich den Widerspruch nicht mehr hören kann, gibt es ihn nicht mehr. Linke Räume werden dadurch zu Orten, an denen sich (scheinbar) alle einig sind, anstatt dass linke Standpunkte in kontroversen, aber solidarischen Diskussionen geschärft werden. Und das, obwohl die Welt dringend kluge und differenzierte linke Köpfe brauchen könnte. Was muss sich also ändern?
Für mich seid ihr alle Raver!
Als Erstes müssen wir wohl anerkennen, dass politische Haltung kein performativer Labubu ist, den man sich edgy an die Handtasche hängt, um aufzufallen. Klar ist es wichtig, dass Linkssein (wieder?) cool ist, um mehr und gerade junge Menschen für gemeinsame Ziele zu gewinnen. Dafür müssen wir auch mal anecken und herausstechen. Aber sich selbst als krassester Theoriemacker zu fühlen und andere Meinungen zu shamen, am besten, ohne sich inhaltlich mit ihnen beschäftigt zu haben, verschließt alle Türen.
Dabei soll die linke Szene doch ein Ort für alle sein, die Interesse an einer besseren Welt haben. Diesen Anspruch muss man dann auch anderen Linken zugestehen: Wer links ist, scheint grundsätzlich erst mal auf unserer Seite zu stehen – und ist nicht wegen einer anderen Haltung zu Tempolimit oder Verpackungssteuer automatisch dumm oder weniger links.
Oft merkt man erst in Diskussionen, dass das eigene Wissen nicht so schlüssig und umfassend ist wie gedacht. Aus Gesprächen mit linken Menschen, die andere Meinungen haben, nimmt man oft am meisten mit: Die eigene Haltung wurde ja nicht einfach mit dem ersten Demoaufruf mitgeliefert, sondern entsteht langwierig aus ständigem Zweifeln, Überdenken und Prüfen eigener und fremder Argumente. Wie oft haben wir schon vehement für unsere Meinung gestritten, diese aber danach (oder sogar währenddessen) noch mal überdacht? Das ist bei anderen Menschen ganz genau so – auch wenn wir das oft vergessen und Gespräche für sinnlos halten, weil sich das Gegenüber scheinbar ohnehin nicht auf eine:n zubewegt.
Versteht uns nicht falsch: Wir wollen nicht, dass ihr noch mal überdenkt, ob Deutschland nicht eigentlich ganz geil ist, Kapitalismus vielleicht doch den Menschen dient oder das mit dem Klimawandel wohl eher Panikmache ist. Aber wenn Leute sich gegen den Faschismus organisieren, ist auf der Antifa-Demo ihre Haltung zu Kuba erst mal egal. Das soll nicht heißen, dass es in allen Konflikten kein Richtig und kein Falsch gibt oder man Grundsatzfragen immer wieder aufs Neue ausdiskutieren muss. Aber dass es bessere Argumente als die eigenen geben kann, Meinungen sich ändern können und es vorkommt, dass Menschen sich irren und trotzdem links sind. Wir finden: im Zweifel für den Zweifel, aber kein Zweifel daran, dass linkes Denken richtig und gesellschaftliche Veränderung notwendig sind.


