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Feministisch zweifeln
Feminismus bedeutet unfassbar viel: Freiheit und Gleichberechtigung, aber auch Kampf, Schmerz und Erschöpfung. Er ist vielschichtig und berührt uns in so gut wie jedem Aspekt unseres privaten und öffentlichen Lebens – ob zu Hause, in der Uni oder auf dem Handy. Gerade dort, auf Spotify, TikTok und Co, gehört Feminismus in verschiedensten Facetten zum Alltagsgeschäft. Aber was hat all dieser Content eigentlich noch mit geschlechtlicher Befreiung zu tun?
»Ist Ikkimel jetzt überhaupt noch Feministin?«
Frauen in der Kunst polarisieren durch Sex Positivity und provokante Lyrics: Cardi B bricht 2020 mit dem Song WAP (Wet-Ass Pussy) und über einer halben Milliarde YouTube-Aufrufen Rekorde. Die deutsche Sängerin Kim Petras erzielt mit ihrem Album Slut Pop internationale Erfolge. Ikkimel führt als »Queen of Fotzenrap« die deutschen Charts an. Ihre Fans sagen: Erstmals trauen sich Frauen, sich in der Öffentlichkeit genauso zu verhalten wie Männer – laut, unverschämt, unapologetic. Women in Male Fields. Andere sagen: Hier werden doch nur Sexismen reproduziert, die Männer geschaffen haben, um Frauen zu beherrschen. Das Ganze schade dem Feminismus. Was denn nun?
Wir leben zweifelsohne in einer Welt, die von Männern für Männer geschaffen wurde und klare Vorstellungen davon hat, wie eine Frau auszusehen und sich zu verhalten hat – und wie nicht. Paradoxerweise scheinen ausgerechnet Rapperinnen wie Ikkimel und Cardi B, die gegen die Vorstellung einer braven Frau aufbegehren, einer anderen Facette des Male Gaze zu entsprechen: der Frau als Sexobjekt. Das klingt erst mal nicht nach der Befreiung vom Patriarchat.
Was aber, wenn Frauen das Ganze nach ihren eigenen Vorstellungen umdeuten? Sie sagen: Wie sie sich anziehen und verhalten, sei ihre freie Entscheidung und diene vor allem dazu, sich selbst zu feiern. Gleichzeitig aber haben sie es verstanden, mit dieser Provokation mies Cash zu machen.
Können sich Frauen also den Male Gaze zu eigen machen und gleichzeitig Widerstand leisten? Warum nennt sich im Internet so vieles Feminismus, was grundlegend verschieden ist? Warum steckt hinter diesem großen Wort mal der Wunsch nach Gleichberechtigung und mal nach Selbstbestimmung? Das sind doch zwei Paar Schuhe! Und warum sollten wir uns darüber streiten? Hallo Widerspruch, wir gehen rein!
»Auf einmal tun die kleinen Pisser so, als wär’s ihnen wichtig«
Heutzutage hat sich, ausgehend von früheren Vordenkerinnen, ein Feminismusverständnis entwickelt, das Frauen[1] herausbefördert aus der Rolle des schwächeren Geschlechts, das primär zur Befriedigung des Mannes existiert. Frauen sollen nicht weiter Objekte der Begierde bleiben, sondern auf Augenhöhe mit Männern leben können. Für keinen Mann, keinen Staat, kein Patriarchat. Gleichzeitig wird unsere Gesellschaft aber weiterhin vom Male Gaze beherrscht, der Frauen für Zigarettenwerbungen oder Musikvideos auszieht. Deshalb lehnen viele Feministinnen dieses männlich inszenierte Bild von Weiblichkeit strikt ab. Sie machen sich stark gegen Size-Zero-Models und die Hotpants-Pflicht für Volleyballerinnen. Die wirklich freie Frau lebt diesem Verständnis nach nur für ihren eigenen Blick und hat es hinter sich gelassen, den Sehgewohnheiten irgendwelcher Macker gerecht werden zu wollen.
Nun kommen aber die jungen Wilden und behaupten: Bei Sex Positivity, nackter Haut und kurzer Mode geht es gar nicht darum, Männern zu gefallen. Frauen seien Hot Queens für sich selbst. Der weibliche Blick zähle. Frauen reclaimen die Fremdbezeichnung »Bad Bitch«, weil nicht sie es sind, die etwas falsch machen, sondern der entmenschlichende Blick von Männern. Frauen ermächtigen sich, erlangen Kontrolle über Sprache, befreien sich vom patriarchalen Bild der weichen, lustlosen Frau. Feminismus par excellence?
Klarer Kritikpunkt: Männer können Frauen demnach weiterhin unbehelligt als Sexobjekte sehen und werden darin noch bestärkt. Gleichzeitig: Warum werden wieder Frauen dafür verantwortlich gemacht, Männer zu erziehen?
Auf eines können sich aber vermutlich die meisten Feministinnen einigen: Die nächsten Schritte zur Befreiung der Frau müssen hin zu mehr Selbstbestimmung gehen. Hier wird die patriarchal anerzogene Passivität, mit der Frauen klein gehalten werden, gegen Aktivität eingetauscht. Und vielleicht, und hier wird’s wieder kontrovers, braucht es diese offensive Aneignung der eigenen Sexualität und den provokanten Männerhass mindestens dafür, die bestehenden (Miss-)Verhältnisse klar aufzuzeigen. Die finale Lösung des Feminismus braucht es dabei ja gar nicht zu sein.
»Sie nennen mich Schlampe, ich nenn‘ mich Genie«
Frauen mit Selbstbestimmung – sind das nicht diese Girlbosse? Der Mythos Girlboss legt nahe, dass man nur hart arbeiten müsse, dann klappe das schon mit der Gleichberechtigung. Girlbosse sind schließlich selbstbewusst, gutaussehend, brauchen keinen Mann, machen ihr eigenes Geld und davon nicht zu wenig. Das ist alles schick, es gibt nur ein Problem: Strukturelle Probleme erscheinen durch die Girlboss-Gucci-Brille auf einmal als individuelle. Ganz nach der Logik: Du bist am struggeln? Dann musst du halt mehr husteln.
Girlboss-Feminismus ist ein kapitalistischer Ansatz, der nicht auf Solidarität, sondern auf Einzelkämpferinnen ausgelegt ist. Obendrein zielt er auf die fetten westlichen Privilegien, die die meisten von uns haben: Jede (aber bitte nicht zu queer, zu schwarz, zu links, …) kann es schaffen!™ Ellenbogen ausfahren, Scheuklappen auf, ich zuerst. Feminismus à la Girlboss Margaret Thatcher. Das ist ganz und gar nicht der Feminismus, den wir anstreben. Frauen in Führungspositionen – wie Slay Girl Julia Klöckner – sind für sich allein genommen eben nicht die Lösung aller Probleme.
Gleichzeitig: In dieser Welt bedeutet Selbstermächtigung sehr wohl, als Frau finanziell unabhängig zu sein, sich anspruchsvolle Berufe zuzutrauen und sich das Recht auf Teilhabe zu nehmen. Das fühlt sich nicht immer richtig an, weil der Kapitalismus daran klebt wie Kaugummi. Und dennoch ist es empowernd, wenn Frauen sich hohe Ziele setzen und träumen dürfen. Feminist Icons sind relevant, aber eben nicht nur im Beruf, sondern auch im Aktivismus, im Hobby, im Sport, in der Kunst, im Umgang miteinander.
»Ich will nicht, dass wir gleich sind, ich will Rache, du Mistkind«
Im Endeffekt klagen verschiedene Strömungen dieselbe Ungleichheit an: die Unterdrückung der Frau. Gleichzeitig scheint auch in diesem Moment nichts naheliegender, als sich darüber zu zerstreiten, in welcher Form man diesen Kampf austragen sollte. Und schon entzweien sich Freund:innenschaften, spalten sich feministische Bündnisse.
Doch der größte Widerspruch liegt eben nicht in den verschiedenen feministischen Strömungen. Vielmehr kämpfen wir alle auf verschiedene Weise mit der Schwierigkeit, unsere Forderungen im kapitalistischen Patriarchat umzusetzen.
Frauen können perfekte Engel sein. Aber genauso eben auch Macherinnen, die sich die Hände schmutzig machen. Sie sollen und müssen die Freiheit besitzen, dieses marode System gegen es selbst auszuspielen, ohne sich schämen oder rechtfertigen zu müssen. Gegen ein System zu kämpfen, das einem permanent Hass entgegenbringt, ist schwer genug. Auch Frauen gehen Kompromisse ein, bringen Opfer, machen sich teils zur Komplizin unterdrückender Strukturen. Dass Frauen dabei auch mal den Bogen überspannen oder Fehler machen, ist Part of the Process.
Und genau an diesem Punkt zeigt sich die nicht enden wollende feministische Streitlust von ihrer besten Seite: Feministinnen kritisieren sich ständig gegenseitig. So fordert sich feministisches Gedankengut selbst heraus und entwickelt sich weiter. Also: Mut zum Zwinger – und Mut zum Zweifel!
[1] Uns ist bewusst, dass wir hier die binäre Geschlechterordnung reproduzieren und andere Geschlechter dazwischen und außerhalb ausschließen. Wir sprechen in diesem Text trotzdem von Männern und Frauen: als stereotype Zwangskategorien, in die wir alle – mal mehr, mal weniger gewaltsam – gepresst werden.


