»Hilfe, mich zerreißt’s gleich!«

English version

Warum es kein Weltuntergang ist, nicht auf die eigenen Widersprüche klarzukommen

Was ist die Antwort auf alle Fragen? »So einfach ist es eben nicht.« Wie wir trotz tausend Widersprüchen durchs Leben kommen, verraten wir in diesem Text.

»Ich bin voll verknallt in mein Tinder-Match, aber ich kann einfach nicht aufhören, weiterzuswipen.«

Mein Match ist witzig, klug, aufmerksam und außerdem total süß. Trotzdem ertappe ich mich dabei, wie ich immer wieder die App öffne, um noch mehr Profile anzuschauen. Mein Crush bleibt hinter dem Swiping-Rush auf der Strecke.

Auf Dating-Apps begegnen wir nicht nur unserer nächsten großen Liebe, sondern auch, und das ist sogar garantiert, unseren eigenen Widersprüchen. Dating-Plattformen sind so gebaut, dass wir – auch wenn wir’s noch so gut mit uns und anderen meinen – ziemlich schnell anfangen, uns selbst zu bewerben und andere wie Waren zu bewerten.

Auf Tinder & Co. optimieren wir nicht nur das eigene Profil, sondern auch unsere Auserwählten. Wie im Supermarkt oder im Restaurant fragen wir uns: Könnte es da nicht noch etwas Besseres geben? Befeuert wird das durch Algorithmen, denn Unternehmen profitieren davon, wenn wir auf der Suche nach der großen Liebe noch mehr Zeit auf ihrer Plattform verbringen.

In unserer Vorstellung bilden romantische Gefühle und Beziehungen – persönlich, liebevoll, sozial – eigentlich den Gegenpol zum Kapitalismus. In den Armen der anderen Person(en) wollen wir uns fallen lassen können und Unterschlupf finden vorm Grauen der Welt.

Stattdessen machen Dating-Apps mit unserer Sehnsucht nach Nähe Cash. Viele der Ideen darüber, wie romantische Beziehungen aussehen und sein sollten, sind mit dem Kapitalismus entstanden und/oder mit ihm verwoben. Die ständige Aufforderung zur (Selbst-)Optimierung zum Beispiel, der wir auf Dating-Apps ausgesetzt sind, steht im krassen Widerspruch zu dem, was intensive zwischenmenschliche Beziehungen eigentlich ausmacht: angenommen zu werden, wie man ist.

Die digitalen Hilfsmittel zum Suchen und Finden der Liebe verweisen aber auch auf einen noch tiefer liegenden Gegensatz, der dem Konzept romantischer Beziehungen innewohnt. Romantische Beziehungen sind einerseits: emotionaler Hafen. Andererseits: ein Ort von Unterdrückung und Leid. Insbesondere Frauen erleben in romantischen Beziehungen Gewalt in verschiedenen Formen.

Marktlogiken formen aber auch diejenigen Beziehungen, die auf den ersten Blick gewaltfrei erscheinen. Der Kapitalismus ist so tief in unser alltägliches Leben gekrochen, dass wir selbst nicht mehr anders können, als in seinen Zwängen zu denken. Investiert dein Crush denn genau so viel in die Beziehung wie du?

Dann lösch doch einfach Tinder?! Ja, vielleicht. Zumindest, wenn’s dir ohne besser geht. Aber manchmal sind Dating-Apps auch gut: zum Beispiel gegen Einsamkeit und für queere Menschen.

»Ich habe mir süße Kuschelschlappen mit Dackelmotiv für 3,89 € auf Temu bestellt.«

Konsum- und Wegwerfgesellschaft finde ich total gruselig. Und trotzdem hab ich mir ein »silly little treat« gekauft. Weil ich in dem Moment so traurig war und irgendwas Schönes haben wollte.

Natürlich ist das ein bisschen absurd. Aber wir finden es wichtig, solche Impulskäufe nicht nur als eigene Schwäche zu interpretieren, sondern auch als Reaktion auf die Welt zu verstehen, in der wir leben. Dein letzter Cheat-Kauf ist Ausdruck der Leere, die der Kapitalismus in dir erzeugt, und zugleich Versuch, diese zumindest für einen Moment mit einem plüschigen Gefühl der Befriedigung zu füllen. Unternehmen im Kapitalismus sind auf die ständige Ausweitung unserer Bedürfnisse angewiesen und tun alles dafür, dass wir uns von immer neuen Produkten ein bisschen Glück versprechen.

Widersprüche auszuhalten, heißt auszuhalten, dass zwei gegensätzliche Dinge zur selben Zeit wahr sein können. Dass die Kuschelschlappen nicht richtig sind – aber auch nicht gänzlich falsch. Wir wollen Politik machen, das heißt: das große Ganze verändern und dafür sorgen, dass es Konzerne wie Temu in der Form nicht mehr geben kann. Politik machen heißt nicht: moralisieren und Einzelne für die Wahl ihrer Pantoffeln maßregeln.
Die 3,89-Temu-Dackel-Kuschelschlappen sind jedenfalls gewiss nicht schlimmer als die Gucci-Bag von deinem Chef. Und wer hat es sich schon ausgesucht, dass ein Iced Matcha Latte das persönliche Tageshighlight ist?

»Ich style mich nicht für andere, sondern nur für mich selbst – glaube ich?«

Ich finde klassische Schönheitsideale kritisch und merke trotzdem immer wieder, dass ich mich genau so anziehe und schminke, wie es die Gesellschaft von mir erwartet.

Wir alle sind im Patriarchat aufgewachsen und haben von klein auf bestimmte Muster beigebracht bekommen. Dass Mädchen gern mit Puppen spielen und Jungs mit Rennautos, zum Beispiel. Oder dass insbesondere Frauen auf eine bestimmte Art und Weise aussehen sollen.
Diese Schönheitsideale verändern sich ständig – von Heroin Chic bis SkinnyTok geht es dabei aber meist darum, dass weibliche Körper nicht zu viel Raum einnehmen sollen. Pilates und »Toning« – ja bitte, aber nicht zu viele Muskeln. Kurven gehören dazu, aber für jedes Gramm Fett erntet man Beleidigungen. Sämtliche Anzeichen von Alter sind mit ausreichend Haarfarbe, Skincare, Make-up und (Baby-)Botox zu verstecken. Dabei geht es oft unbewusst darum, dem Male Gaze, also der Blickweise und den Bedürfnissen von Männern, zu entsprechen.
Aber auch vor Männern machen gesellschaftliche Ansprüche keinen Halt: Sie sollen auf dem Kopf möglichst viele Haare haben, groß und muskulös sein (klar, irgendwer muss die Frauen ja vor wilden Bären beschützen). Männlichkeitscoaches verkaufen neben Rohkakao auch das passende Alpha-Mindset.
Denn im Kapitalismus gibt’s für alle Gelegenheiten und Unsicherheiten stets das passende Produkt (und für jedes noch so abwegige Produkt wird die passende Unsicherheit erfunden). Und es darf nicht irgendein Produkt sein: Kleidung, die nicht den aktuellen Trends entspricht, ist out. Deine alten Skinny Jeans? Peinlich, kannst du gleich entsorgen.

Selbst wenn wir feministisch handeln wollen, erleben wir immer wieder, wie wir an diesem Anspruch scheitern und in patriarchale Muster zurückfallen. Aufrechterhalten und durchgesetzt werden die Ideale nicht nur durch verbale Gewalt in Form von ungefragten Kommentaren, Mobbing und Shitstorms, wenn du angeblich »zu dick«, »zu dünn«, »zu männlich«, »zu weiblich« bist, sondern auch über Komplimente, wenn du der Norm entsprichst. Und klar – positive Rückmeldung fühlt sich gut an, schließlich wollen wir alle irgendwie dazugehören.

Das heißt nicht, dass du dich nicht mehr schminken sollst, wenn es dir doch Spaß macht, und auf deine Gym-Session und deinen Smoothie verzichten sollst, wenn es dir guttut. Aber dass es zumindest kompliziert ist, was wir eigentlich »für uns« tun und was eben (auch), um Erwartungen anderer zu erfüllen.

»In der Uni habe ich einen Kurs belegt, wie ich mich nach dem Studium am besten selbst vermarkte.«

Konkurrenz in der Arbeitswelt finde ich voll scheiße. Und trotzdem habe ich diesen Kurs belegt. Als Hausaufgabe sollen wir unseren »Unique Selling Point« herausfinden. Mein Berufsfeld ist total umkämpft und irgendwie muss ich ja durchkommen.

Der Kapitalismus hat Menschen hervorgebracht, die sich als »Unternehmer:innen ihrer selbst« betrachten. Sie vermarkten die eigene Person wie ein Produkt und investieren in sich. Wem das zu egoistisch ist, der kann auch in die eigenen Beziehungen anlegen – natürlich, um das Beste für sich rauszuholen.

Das ist grotesk, verwundert aber nicht angesichts des Umstands, dass wir ständig damit beschäftigt sind, unsere knappe Zeit für den eigenen Lebenserhalt aufzuwenden. Beziehungen werden einer Kosten-Nutzen-Analyse unterzogen.

Und das Schlimme ist: Wir wissen gar nicht mehr, wie es anders gehen soll. Wir denken, und zwar selbstverständlich: Das, was ich in eine Beziehung reinstecke, will ich auch wieder raushaben. (Und klar ist es wichtig, dass in deiner WG nicht immer nur du dich um den Abwasch kümmerst – aber es lässt sich eben auch nicht jede zwischenmenschliche Interaktion eins zu eins verrechnen.) Und wenn Beziehungen dann scheitern, dann waren sie wohl toxic. Leiden ist aber auch ein strukturelles Symptom, nicht nur individuelles Versagen. Wenn eine Beziehung nicht »funktioniert«, liegt das nicht nur an falschen persönlichen Entscheidungen, sondern eben auch an gesellschaftlichen Widersprüchen, die sich hier niederschlagen. Zum Beispiel: keine Zeit zu haben, weil man schon wieder zu Überstunden gedrängt wird.

Zurück zum Arbeitsleben: Vernetz dich, vermarkte dich, verwirkliche dich. Ob du es zu was bringst oder nicht, ist im Kapitalismus nur von dir abhängig. Und nicht etwa davon, ob du in einer tollen Gemeinschaft lebst, in der sich alle gegenseitig unterstützen. So zumindest die herrschende Meinung – aber ist es nicht eigentlich ganz anders?

Unser Leben ist beschädigt und daraus folgt: Unser Urteilsvermögen ist es auch. Denn unser Denken hat sich nun mal in einer Welt entwickelt, die voller Widersprüche ist und von Leistungsorientierung, Selbstoptimierung und Konsum geprägt ist. Selbst da, wo wir ökonomische Ungleichheit und soziale Ungerechtigkeit kritisieren, sind wir noch in deren Logik verstrickt. Und so gibt es auch in uns selbst einander widerstrebende Wünsche und Ideen.

Der Markt vereinnahmt alles, auch das Authentischsein. So lässt sich selbst dein Unique Selling Point, dich nicht verkaufen zu wollen, noch gut verkaufen.

»Ich habe den ganzen Tag auf TikTok und Insta gescrollt, statt zur Demo gegen die AfD zu gehen.«

Widerstand gegen rechts ist mir mega wichtig und eigentlich müsste ich mich mehr engagieren. Trotzdem bleibe ich zu Hause und liege nur rum.

Statt dir Vorwürfe zu machen, solltest du dir lieber die Frage stellen: Warum bist du so platt und was raubt dir die Energie, dich aufzuraffen?

Die meisten von uns schämen sich, wenn sie an sich selbst widersprüchliches Verhalten beobachten. Und sie sind gestresst, weil sie das Gefühl haben, dass sie es gar nicht richtig machen können. Sie fühlen sich machtlos. Es entsteht ein Spalt zwischen Anspruch und Wirklichkeit und eine Dynamik, die uns gerade durch das Verurteilen des eigenen (Nicht-)Tuns davon abhält, wieder aktiv zu werden. Wir versuchen dann oft, diesen Spalt zu überdecken – vor uns selbst (zum Beispiel durch stundenlange Ablenkung) und vor anderen (durchs Nicht-darüber-Reden).

Denn wir haben Angst davor, für unsere Widersprüche verurteilt zu werden. Vielleicht haben wir auch Angst davor, dass die Rechten doch recht haben könnten: dass Linke Heuchler seien, die viel reden und selbst im Warmen sitzen. Wahr ist aber: Linke sind auch nur Menschen im Spätkapitalismus. Menschen, die sich Mühe geben. Menschen, die an Ansprüchen scheitern – an gesellschaftlichen und an ihren eigenen.

Daraus, Idealen und Normen nicht gerecht werden zu können, entsteht Scham: für unser Verhalten, für unseren Körper, für uns als Ganzes. Sie fühlt sich erbarmungslos und lähmend an. Wir haben Angst, negativ bewertet und verurteilt zu werden. Und in der Scham fühlen wir uns einsam, weil wir denken, dass wir allein so empfinden. Dabei sind die Gründe für dieses Leiden gar kein individuelles Problem, sondern gesellschaftlich hergestellt: Der Kapitalismus isoliert und vereinzelt uns und macht uns so anfällig für Scham. Was als »normal« und als Ideal gilt, ist immer auch eine Machtfrage.

Das Komplizierte an der Scham ist, dass sie zwar einerseits ein Herrschaftsinstrument ist, aber andererseits auch ein Gefühl, das uns mitunter sehr Wichtiges mitzuteilen hat: etwa dass unsere Grenzen verletzt wurden, oder dass wir uns selbst falsch verhalten haben. Manchmal wünschen wir uns auch, dass sich andere Menschen mehr statt weniger schämen: Rassist:innen, Antisemit:innen und Sexist:innen zum Beispiel. Oder wenn Gisèle Pelicot fordert, dass die Scham die Seite wechseln muss.

Scham wird es also immer geben. Wir können aber dafür sorgen, dass wir uns mit bestimmten Formen der Scham, etwa für Körperbehaarung und Minderwertigkeitsgefühle, nicht mehr allein fühlen. Wir können Räume schaffen, in denen wir uns fehlbar und verletzlich zeigen können. Räume, in denen wir ohne Angst verschieden sein können – auch ohne die Angst, beschämt zu werden. Und bestenfalls passt eines Tages die ganze Welt in diese Räume.

»Ich habe diesen ganzen Text gelesen und weiß trotzdem immer noch nicht weiter.«
Auch wenn es mir nicht direkt peinlich sein muss, will ich nicht für immer und ewig in flauschigen Plüschdackelschlappen durchs TikTok-Universum wabern. Wie komme ich da also raus?

Vielleicht dadurch, dass wir in schmerzhafte Widersprüche hineingehen, statt sie zu betäuben. Dass wir über Widersprüche reden, statt sie zu tabuisieren. Dass wir Widersprüche persönlich nehmen, aber nicht als etwas, das notwendigerweise in der eigenen Person begründet liegt, sondern als etwas, das der eigenen Person angetan wird. Nicht unsere Psyche ist schuld, die nach nichts anderem als Ablenkung lechzt, sondern ein System, das eine solche Psyche hervorbringt.

Und trotzdem tragen wir natürlich Verantwortung: Zum Beispiel dafür, trotz alledem kein Arschloch zu sein. Und dafür, weich zu sich selbst und zu anderen zu sein.

Damit meinen wir nicht, dass wir die ganze Welt und unsere Köpfe in Zuckerwatte packen sollten. Widersprüche kann man nicht einfach auflösen, weder durch Akzeptieren noch durch Ignorieren. Es wird nicht ohne das Unbehagen mit den Widersprüchen gehen, solange wir in dieser Welt leben. Im Gegenteil: Angesichts der Zustände ist das Unbehagen mehr als angemessen.

Insofern sind Widersprüche aber auch ein Versprechen. Sie wecken den Wunsch nach einem widerspruchsärmeren Leben. Man könnte sich sogar freuen über jeden Widerspruch, den man an sich entdeckt. Die Widersprüche sind sowieso da, aber sie zu entdecken, bedeutet, den Widerspruch erkennen zu können. Noch nicht ganz durchdrungen von kapitalistischer Denkweise zu sein.

Was wir in der Zwischenzeit machen können: darüber nachdenken, wie wir nachdenken. Wie wir über Freund:innenschaften und Beziehungen nachdenken. Uns des utopischen Potenzials eben dieser bewusst werden. Solidarität stark machen. Nicht mit Emotionen sparen. Nicht alles vom Kapitalismus vereinnahmen lassen. Widerständig fühlen! Sich verbünden, statt sich nach innen zu kehren. Für bessere materielle Grundlagen kämpfen. Und für ein ganz anderes Ganzes.

Zum Weiterlesen:
Eva Illouz: Warum Liebe endet. Eine Soziologie negativer Beziehungen. 2020. 22 €.
Laura Späth: about shame. 2021. 18 €.