Wir sollen sterben, damit Deutschland leben kann?

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Leck Eier!

Pazifismus, also die grundsätzliche Ablehnung von Krieg, war lange ein Merkmal vieler linker Parteien und Bewegungen. Heute wirkt das eher wie was für Hippies. Bei Linken scheint das Motto oft zu sein: Choose your Fighter, passende Flagge ins Insta-Profil und gib ihm! Ungebrochene Solidarität mit einer der Kriegsparteien. Weil es in dieser Ausgabe aber um Widersprüche und Zweifel geht, werden wir auch beim Thema Krieg nicht ohne sie auskommen.

2025: CDU und SPD führen wieder einen Wehrdienst ein. Auch die Grünen sprechen sich für eine verpflichtende Musterung aus. Von Bildungspolitik über Klimawandel bis zu bezahlbaren Wohnungen interessiert sich der deutsche Staat nicht wirklich für die Bedürfnisse junger Menschen. Trotzdem sollen sie sich nun mit der Idee anfreunden, Deutschland mit der Waffe und dem eigenen Leben zu verteidigen. Gänsehaut.

Wer sich gegen »Kriegstüchtigkeit« ausspricht, bekommt schnell die Frage: »Willst du denn unter Putins Diktatur leben?« Natürlich nicht. Liberale Demokratien werden den eigenen Ansprüchen zwar oft nicht gerecht und bringen zunehmend autoritäre bis faschistische Tendenzen hervor. Und Gewaltenteilung, demokratische Rechte und soziale Absicherungen waren nie Geschenke des deutschen Staates – sie mussten von politischen Bewegungen erkämpft und bis heute fortwährend verteidigt werden. Aber unter einem Regime wie in Russland würden diese Errungenschaften nicht lange bestehen und der Kampf um eine bessere Zukunft wäre definitiv nicht leichter. Die meisten dürften deshalb lieber unterm rassistischen BlackRock-Kanzler Merz leben als unter einem autoritären Regime, das Oppositionelle ermordet, aktiv faschistische Kräfte unterstützt und einen imperialistischen Angriffskrieg führt.

Die Bundeswehr ist nicht die Antifa

Putin, der IS oder die Taliban sind die Feinde jedes emanzipatorischen Anliegens. Und so stehen in manchen kriegerischen Konflikten linke und progressive Kräfte scheinbar auf der gleichen Seite der Barrikade wie der Staat. Oder sind zumindest auf ihn angewiesen, sofern sie nicht fliehen können, wollen oder dürfen. Denn über militärische Mittel verfügt nicht deine lokale Antifa-Gruppe, sondern allein der Staat. Die Nazis etwa wären nicht besiegt worden, wenn nicht Nationalstaaten in den Krieg gegen die deutsche Mördermaschine gezogen wären. Wir sind froh, dass auch die US-Army die KZs befreit hat. Aber macht das das White House zu einem verlässlichen Partner im Kampf für eine bessere Welt? Sicher nicht. Wenn westliche Mächte etwa eine Zeit lang Kurd:innen in Rojava gegen islamistische Mörderbanden unterstützen und dies irgendwann einstellen, zeigt das, wie beliebig und wenig nachhaltig solche Hilfe oft ist. Und dass es dabei auch um geopolitische Machtspiele geht.

Auch wenn sie manchmal dieselben Gegner haben, sind ein Nationalstaat oder die Bundeswehr deswegen nicht die Antifa. Egal ob das politische System eine Demokratie oder eine Autokratie ist: In einer kapitalistisch eingerichteten Welt treten Staaten sich immer auch als Konkurrenten auf dem Weltmarkt gegenüber. Dabei haben sie eigene und oft auch gegenläufige Interessen: etwa Zugang zu Rohstoffen, Handelsmärkten oder auch günstigen Arbeitskräften. Diese versuchen Nationalstaaten im Rahmen ihrer Möglichkeit durchzusetzen – mal mit Freihandelsabkommen, mal mit Zöllen und manchmal eben auch militärisch. Wenn Merz Putins Angriffskrieg verurteilt, gleichzeitig aber einem autoritären Herrscher wie Erdoğan die Hand schüttelt, zeigt sich: In letzter Konsequenz geht es auch liberalen Demokratien wie Deutschland außenpolitisch nicht um den Schutz von Minderheiten. In welchem Krieg getötet und gestorben wird, wird nicht mit Blick auf Menschenrechte entschieden. Gekämpft wird, wo für Kapital und Nation etwas zu holen oder zu verlieren ist. Es gibt keine Garantie, dass eine aufgerüstete Bundeswehr nicht bald schon selbst Handelsrouten freischießt oder (zum Beispiel unter einer AfD-Regierung) irgendwann auch mal wieder andere Länder angreift.

»Jan ist Patriot und Fabian ist woke – ist egal, denn hier im Schützengraben sind wir alle Bros«

Aber falls Putin wirklich eines Tages vor den Toren Berlins stehen sollte – säßen wir dann nicht doch als deutsche Schicksalsgemeinschaft im selben Kriegs-U-Boot? Nicht wirklich. Trotz der Konkurrenz zwischen Staaten sind nicht alle Bürger:innen eines Nationalstaats eine einheitliche Gemeinschaft, die geschlossen den Menschen aus anderen Nationen gegenübersteht. Vielmehr haben die einzelnen Menschen unterschiedliche Gewohnheiten, Besitztümer und politische Einstellungen. Auch wenn dein:e Chef:in und du die gleiche Staatsangehörigkeit habt: Eure Interessen können so verschieden sein wie deine Wünsche und die der Bundesregierung.

Wie du es miterlebst, wenn Bomben fallen, ist immer auch eine Frage von Klassenzugehörigkeit. Ob die milliardenschweren BMW-Erb:innen dann in der Karibiksonne chillen werden, wissen wir nicht, aber sicher werden sie nicht neben dir im Schützengraben liegen. Diejenigen, die Kriege anfangen oder davon profitieren, kämpfen in der Regel genauso wenig selbst wie die Boomer, die in Talkshows eine Wehrpflicht begrüßen. Die Rolle als militärisches Menschenmaterial wird anderen armen Teufeln überlassen. Putin lässt etwa vor allem Männer aus ärmeren Regionen rekrutieren.

Wer in Kriegen kämpfen muss, ist keineswegs immer eine freie Entscheidung. Während sich in der Ukraine manche Menschen gleich zu Kriegsbeginn freiwillig für einen Einsatz gemeldet haben, durchqueren andere Männer auf der Flucht davor Wälder und Flüsse. Je nach Quellen sind inzwischen allein über 250.000(!) ukrainische Soldaten geflohen, die sogar bereits im Militärdienst gewesen sind. Ein Mann wurde bei seinem Fluchtversuch von ukrainischen Grenzbeamten erschossen. Erschossen? Von den »eigenen« Landsmännern? Wie kann das sein?

Für den Staat bist du nur ein NPC in der Todeslotterie

Nun, der Staat hat wenig Interesse daran, dass seine Bürger:innen im Kriegsfall fliehen – er braucht schließlich ausreichend Menschenmaterial, das für ihn kämpft. Dass es dabei kaum um den Schutz der Einzelnen geht, zeigt schon die Idee aus der Wehrdienst-Debatte, doch einfach auszulosen, welche Bürger in einem Kriegsfall an die Front müssen. Auch wenn die Bundeswehr den Wehrdienst gerne als spaßiges Videospiel inszeniert: Echter Krieg ist kein Zocken an der PlayStation. Wenn dich eine Drohne abknallt, kannst du nicht das Spiel neu starten. Im besseren Fall bist du »nur« für den Rest des Lebens traumatisiert, im schlechteren Fall auch noch verstümmelt. Oder es heißt gleich ganz Game Over: Dann bist du tot. Und hast auch nichts mehr davon, dass die Bundeswehr dir den Führerschein bezahlt hat.

Aber okay, die Interessen des Staates mal außen vor – liegt es nicht auch in deinem eigenen Interesse, Family and Friends zu verteidigen? Nun: Was genau soll eigentlich durch die Bundeswehr verteidigt werden? Krieg funktioniert nicht so, dass du mit einem Gewehr vor deiner WG oder auf dem Grundstück deiner Oma patrouillierst. Im Einsatz bist du womöglich Hunderte oder Tausende Kilometer von geliebten Menschen getrennt. Du »darfst« dann irgendwo die marode Infrastruktur verteidigen, die über Jahrzehnte von Merkel bis Merz kaputtgespart wurde: unsanierte Schulen, geschlossene Schwimmbäder, einstürzende Brücken. Wenn sich der Staat ernsthaft um die eigenen Bürger:innen sorgen würde, warum werden dann 100 Milliarden in Aufrüstung gesteckt, die bei Waffenhändler:innen die Champagnerkorken knallen lässt – und nicht in soziale Sicherheit, in mehr Kitaplätze oder in bezahlbare Wohnungen?

Ob du wirklich für deine eigenen Interessen einstehst, wenn du mit einem Sturmgewehr G36 andere Menschen zerfetzt, ist jedenfalls eine berechtigte Frage. Und auch, ob du mit dem Menschen im Schützengraben gegenüber nicht mehr gemeinsam hast als mit deinem Befehlsgeber bei der Bundeswehr.

Sich der nationalistischen Mobilmachung verweigern

Wir können und wollen niemandem vorschreiben, wie sie:er sich im Kriegsfall zu verhalten hat. Manche ukrainische Anarchist:innen entscheiden sich bewusst,auf der gleichen Seite wie Faschisten zu kämpfen. Sie begründen das damit, dass sie die Menschen in Kriegszonen nicht sich selbst überlassen wollen und mit dem Überleben anarchistischer Strukturen im Land. Andere Anarchist:innen stellen sich mit militanten Sabotageaktionen gegen die Kriegsführung oder leisten außerhalb der Armee humanitäre Hilfe.

Vielleicht gibt es in Anbetracht kriegerischer Auseinandersetzungen gegenwärtig keine wirklich zufriedenstellenden linken Antworten und schon gar keine eindeutigen. Aber zumindest lassen sich Eckpfeiler formulieren: Es macht einen Unterschied, ob sich ob sich Nationalstaaten gegenüberstehen oder ob sich kurdische Frauen zusammenschließen, um sich militärisch gegen Islamisten und türkische Faschisten zu verteidigen. Und aus der Ablehnung eines autoritären Regimes folgt nicht automatisch, unter einer schwarz-rot-goldenen Flagge ins Feld zu ziehen. Wir kämpfen gegen eine Aufrüstungsspirale und einen Zwang zur Landesverteidigung. Problematisch ist dabei nicht nur der Zwangscharakter – sondern auch die Verlogenheit des nationalistischen Gelabers zur Begründung.

Daher halten wir es auch für keine gute Wahl, Solidarität mit den Betroffenen von Krieg dadurch auszudrücken, das Brandenburger Tor blau-gelb anzustrahlen oder sich in eine Nationalflagge zu hüllen. Nicht, weil wir nicht auch solidarisch mit Menschen in der Ukraine (und Kriegsgegner:innen in Russland) wären, sondern weil die Realität komplizierter ist als ein Fußballspiel. Wir sollten uns nicht auf falsche Gruppenzugehörigkeiten und eine »Team A vs. Team B«-Logik einlassen. Solidarisch wären wir in einem Krieg nicht mit Merz, Pistorius oder allen Deutschen, die zufällig den gleichen Pass haben wie wir. Sondern mit den Menschen, die unter dem Krieg leiden, egal welche Staatsangehörigkeit sie haben.