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Hassliebe Medien – so verdrehen sie uns den Kopf

Widersprüche auszuhalten und auszuhandeln ist schwer und anstrengend. Und ungewohnt – auch weil Widersprüche in Massenmedien kaum behandelt werden. Denn das benötigt Ruhe, Zeit und einen wohlwollenden Austausch, den wir in der Aktualitäts- und Liveticker-Logik reichweitenstarker Medien immer weniger finden. Viele Medien fördern eine hochinformierte Desinformiertheit: Von morgens bis abends werden wir über Nachrichten-Apps oder Social Media mit Informationen erschlagen. Aber eine Einordnung in größere Zusammenhänge oder Erklärungen fürs tiefere Verständnis finden wir dort kaum. Warum ist das so und wie gehen wir damit um?

Bürgerliche Medien: Bei Markus Lanz im Dschungelcamp

In Deutschland gilt Pressefreiheit und es gibt eine vergleichsweise vielfältige Medienlandschaft. Und natürlich gibt es auch kluge Journalist:innen und gut recherchierte Beiträge. Aber eben auch Bedingungen, die sich auf die Gestaltung, Platzierung und Reichweite ihrer Beiträge auswirken: Auch Journalist:innen wachsen mit den verbreiteten Vorstellungen einer Gesellschaft auf, die gegenwärtig eben kapitalistisch und nationalstaatlich eingerichtet ist. Dazu kommen Finanzierung, politische Interessen, Klickzahlen, Filterblasen und Aufmerksamkeitsökonomie. Einzelne Redaktionen können kaum aus den Spielregeln aussteigen. Gegen plumpe rechte »Lügenpresse!«-Vorwürfe sind bürgerliche Medien deswegen zu verteidigen – aber eben auch von links zu kritisieren, wenn sie differenzierter Meinungsbildung im Wege stehen.

Wenn wir gerne mal »ein bisschen« Temptation Island glotzen, bekommen wir, was wir suchen: Drama. Anders ist es bei »Anne Will« oder nicht selten genug auch der Tagesschau: Wir suchen politische Aufklärung und unabhängigen Journalismus, einen Austausch von seriösen Argumenten. Wir bekommen: Ex on the Beach. Oft geht es mehr um Befindlichkeiten von Politiker:innen als um Inhalte. Bei Diskussionen ums Heizungsgesetz musste man eine verständliche Erklärung dazu, was eine Wärmepumpe überhaupt ist, schon gezielt suchen. Dafür wurde ausgiebig berichtet, was Robert Habeck wieder gesagt hat und wie Markus Söder sich damit fühlt. Konflikte zwischen politischen Parteien werden wie ein Familienstreit behandelt. Journalist:innen berichten mit roten Bäckchen, dass sie im Jet mit dem Kanzler fliegen durften und er jede:n einzeln begrüßt hat, wie nett! Und über Auftritte von Donald Trump wird berichtet, als ginge es vor allem darum, ob »Papa« heute gut oder schlecht drauf war. Help!

Schlechte Zeiten, schlechte Zeiten

In Polit-Talkshows werden die immergleichen Gestalten eingeladen, um sich mit den immergleichen Talking Points zu fetzen – Stammtisch und Familienfeier lassen grüßen. Wer dabei zu sehr von der Mainstreammeinung abweicht, bekommt einen Stempel verpasst (Shitstorm inclusive) und wird womöglich nicht mehr eingeladen. Differenziertes Sowohl-als-auch geht verloren. Grundlegende gesellschaftliche Widersprüche wie herrschende Besitzverhältnisse werden gar nicht erst verhandelt. Angetrieben von AfD & Co. werden dafür auch bei Themen »beide Seiten« gleichwertig dargestellt, bei denen es keine zwei Seiten geben sollte: Man findet etwa Pro und Contra zur Frage, ob man Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen soll.

Einzelne Themen, die Poltiker:innen mit einem bestimmten Interesse setzen, werden unausgewogen übernommen. Jahrelang wird diskutiert, ob das Bürgergeld zu hoch sei, statt mal zu fragen, ob die Löhne zu niedrig sind. Politische Kampfbegriffe wie »illegale Migration« werden unkritisch übernommen und medial verfestigt. Wenn Christian Lindner nur oft genug wiederholt, ein Staat dürfe keine Schulden machen, wird dies in den Medien irgendwann als naturgegebene Tatsache behandelt – und nicht als Ergebnis politischer Aushandlungsprozesse. Medien tragen so zu einer radikalen Verengung des Denkens bei.

Soziale Medien: banal, radikal, viral

Den größten medialen Einfluss auf junge Menschen haben aber private Betreiber von Social-Media-Plattformen. Fast alle jungen Menschen nutzen soziale Medien – auch wir bei der SaZ. Instagram serviert uns ein Rundum-Paket aus Naildesign, Gym-Content und linken Buchkritiken. Das ist Fluch und Segen zugleich: Die Plattformen vernetzen und unterhalten uns, stehen dabei aber auch Widersprüchen komplett im Weg. Instagram und TikTok haben gleich mehrere Red Flags in petto:

Der Algorithmus! Er fördert einseitige Berichterstattung und Echokammern. Wir bekommen nur noch die »Nachrichten« reingespült, die sowieso in unser Weltbild passen.

Reichweite! Virale Videos sind kurz und polarisieren. Starke Meinungen werden mehr geklickt als ausgearbeitete Infoposts.

Meinungen! Dabei zählt die Personality der Influencer:innen oft mehr als der Inhalt. Posten sie teils absurde Falschinfos, werden diese oft unhinterfragt weiterverbreitet.

Quellenlosigkeit! Kennst du das? Man spricht mit Freund:innen über ein Thema und hat dazu »was gelesen« – aber es war doch nur ein Reel, in dem irgendwer eine »Statistik« erklärt.

Shorts! Je kürzer, desto besser. Die Aufmerksamkeitsspanne geht zurück. Komplexe Threads verlieren gegen Hot Takes, Argumente gegen Memes. Da bleibt wenig Platz, um verschiedene Seiten zu beleuchten und einen gemeinsamen Nenner auszuhandeln.

Sozialer Druck! Soziale Medien teilen wir mit dem Freundeskreis, der Polit-Gruppe oder der Familie. Schnell wird man darauf reduziert, wem man folgt. Teils scheint es, als könnten wir niemandem außerhalb der eigenen Blase folgen, ohne dafür geshamet zu werden

Diese Probleme nehmen wir hin, weil sie menschliche Bedürfnisse befriedigen: Es fällt uns leichter, Informationen zu glauben, die sowieso schon in unser Meinungsbild passen. So fällt Quellenlosigkeit schnell unter den Tisch und bloße Meinung wird als geprüfter Inhalt eingeordnet. Man fühlt sich verstanden, bestätigt und nicht allein. In einer kapitalistischen Welt voller Einsamkeit ist das Bedürfnis nach Zugehörigkeit gerade bei jungen Menschen groß. Und Widersprüchlichkeit kann sich anfühlen, als würde sie dieses Dazugehören gefährden.

Hilfe, gibt es keine politische Bildung durch Medien?

Doch, »Straßen aus Zucker«, also alles gut. 😉 Aber so richtig gut ist es natürlich nicht: Wenn es um die Thematisierung von Widersprüchen geht, ist kein Verlass auf bürgerliche Medien oder Social Media. Außer Kritik zu üben und diese Zeitung herauszubringen, können wir zwar gerade nicht viel am medialen Angebot ändern – an unserem eigenen Umgang mit Medien aber schon.
Hier findest du ein paar Tipps und Tricks:

  • Bewusst nach gut begründeten Gegenargumenten suchen – so kannst du Cherry-picking vermeiden.
  • Auch mal Kanälen außerhalb der eigenen Bubble folgen, um dem Algorithmus zu trotzen und dich über andere Positionen zu informieren.
  • Wohlwollender Blick auf Menschen, kritischer Blick auf Meinungen: Nimm die Aussagen auseinander, nicht die Person.
  • Wenn Empörung, dann bedacht. Es gilt die Zehn-Minuten-Regel: erst lesen, dann denken, dann reagieren.
  • Eine gewisse Sorgfalt, welche Personen und Inhalte man weiterverbreitet, statt vorschnell zu liken und zu teilen.
  • Demut dafür bewahren, dass es auch wir selbst mal auf dem Holzweg sein können.
  • Statt nach gut und schlecht zu sortieren, Positionen und Argumente auf einer Skala von 1 bis 10 einordnen. So brichst du Extreme auf und macht Nuancen sichtbar.
  • »Alle bei uns sehen das so«: Gruppendruck identifizieren, denn Wahrheit ist kein Mehrheitsvotum. Sich fragen: Was ist, wenn die andere Gruppe in manchem Recht hat?
  • Man muss nicht zu allen Themen Stellung beziehen und kann trotzdem politisch sein.