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Warum du und deine Politgruppe ohne Zweifel untergehen werdet

Tofuwurst. Fotzenrap. Ukrainekrieg. Na, kitzelt es dich? Hast du eine klare Meinung dazu? Und das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen – das fühlt sich gut an, oder? Eindeutigkeit gibt Orientierung und sortiert eine komplizierte Welt in verständliche Kategorien. Gut oder schlecht, richtig oder falsch. Aber: Die Welt funktioniert selten so eindeutig. In einer Situation kann es verschiedene Wahrheiten geben, die sich nicht einfach gegenseitig auflösen. Und manchmal helfen dir gerade diese Widersprüche dabei, zu verstehen, was tatsächlich abgeht.

Ich bin nicht widersprüchlich, deine Mutter ist widersprüchlich

Widersprüche begegnen uns im Privaten: etwa wenn du wegen der schlimmen Produktionsbedingungen keine Fast Fashion kaufst und dich trotzdem über die abgelegten Shein-Teile deiner Friends freust. Heute teilst du vielleicht noch einen Post über das Tierleid in der Fleischindustrie und morgen bestellst du dann doch nachts um 3 Döner alles komplett.
Widersprüche ziehen sich aber auch durch politische Räume: Zum Beispiel, wenn deine Antifa-Gruppe sich darüber fetzt, ob eine Nationalflagge auf der Demo nun Solidarität oder Aggression symbolisiert. Oder wenn die Nachbarschaftsinitiative gegen Luxusbauten an einem außenpolitischen Thema zerbricht.

Wir glauben, dass es notwendig ist, sich von widerspruchsfreiem Denken zu lösen. Generell und überhaupt, vor allem aber auch aus einer linken Perspektive. Und wir halten Widersprüche und Zweifel sogar für so wichtig, dass wir ihnen eine ganze Ausgabe widmen. Warum?

Natürlich denkt nicht jede Person schwarz-weiß und klar gibt es differenzierte Stimmen. Aber beim Blick auf die großen öffentlichen Debatten haben wir das Gefühl, dass das Bedürfnis nach klaren Fronten stärker wird. Zweifel wirken fast schon verdächtig und Uneindeutigkeiten und Gleichzeitigkeiten verschwinden aus Gesprächen. Das ist ein Problem, denn eine komplizierter werdende Welt lässt sich nicht mit immer einfacheren Antworten verstehen.

Dein Gehirn trickst dich aus.
Das menschliche Gehirn arbeitet mit Abkürzungen. Es sucht Muster, bewertet Situationen schnell und springt zur (für uns) plausibelsten Erklärung. Evolutionsbiologisch war das sinnvoll: Wer lange überlegte, ob ein Rascheln im Gebüsch ein Tiger oder nur der Wind war, hatte früher schlechte Chancen. Unsere Gehirne lieben klare Erklärungen. Wir bevorzugen Informationen, die unsere bestehenden Überzeugungen bestätigen, und blenden Widersprüche gerne aus. Psycholog:innen nennen das den Bestätigungsfehler. Sobald Informationen auftauchen, die nicht in unser Weltbild passen, entsteht ein unangenehmes Spannungsgefühl: kognitive Dissonanz. Oft lösen wir diese innere Unruhe nicht dadurch auf, dass wir unsere Meinung überdenken, sondern indem wir widersprüchliche Informationen abwerten oder ignorieren. Eindeutigkeiten fühlen sich für uns angenehmer an. Es tut gut, genau zu wissen, wer die Schuldige und wer die Heldin ist. Aber ein Mensch kann sowohl Täter als auch Opfer sein – manchmal sogar in derselben Situation. Und diese Gleichzeitigkeit auszuhalten ist anstrengend.

Wenn wir also die Welt in ihrer komplexen Wahrheit und Unordnung begreifen wollen, müssen wir unser Gehirn bewusst vom Denken in aufgeräumten Eindeutigkeiten abhalten. Das braucht Übung und Überwindung, aber die Anstrengung lohnt sich: denn nicht nur Situationen sind widersprüchlich, sondern auch wir selbst. Ambiguitätstoleranz (also die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit auszuhalten) ist die Kunst, produktiv mit dieser Unordnung umzugehen statt sie wegzuleugnen. Davon hängt ab, ob wir manipulierbar sind, ob wir gute Entscheidungen treffen, ob wir fair bleiben und ob wir überhaupt noch miteinander reden können, wenn‘s kompliziert wird.

Kann es mehrere Wahrheiten gleichzeitig geben?
Manchmal ja. Wie kommt das? Es gibt Fakten: Das sind Dinge, die überprüfbar sind, etwa durch Daten, Messwerte oder konkrete Ereignisse. Es gibt Interpretationen: Das sind Deutungen dieser Fakten. Und es gibt Werte. Also das, was uns wichtig ist, zum Beispiel Freiheit, Sicherheit, Gerechtigkeit oder Solidarität. Viele Streitigkeiten entstehen nicht, weil Menschen unterschiedliche Fakten sehen. Sondern weil sie dieselben Fakten unterschiedlich interpretieren oder unterschiedliche Werte priorisieren. Zwei Personen können also denselben Sachverhalt betrachten und zu verschiedenen, jeweils nachvollziehbaren Schlussfolgerungen kommen. Es ist deshalb notwendig, diese drei Dinge einzuordnen. Also: Fakten klären, Deutungen als Deutungen erkennen und Unterschiede sichtbar machen, ohne sie direkt abzuwerten.

Komplexität kostet Energie. Man muss mehr lesen, mehr zuhören, länger nachdenken. Man muss Widersprüche stehen lassen und manchmal auch akzeptieren, dass man selbst falschgelegen hat. Das kann am Ego kratzen – aber es gibt Werkzeuge, die beim Umgang mit komplexen Situationen helfen. Mit dieser Ausgabe bekommst du ein paar erste Tools an die Hand.

Anti-Schubladendenken gegen Nazis

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum einfache Gewissheiten gerade Hochkonjunktur haben. Wir leben in einer Zeit, in der viele Selbstverständlichkeiten brüchig geworden sind. Krieg in Europa, Klimakatastrophe, wirtschaftliche Unsicherheit – vieles wirkt instabiler als noch vor ein paar Jahrzehnten. Klare Antworten können beruhigend wirken und Orientierung geben in einer Welt, die sich zunehmend unsicher anfühlt. Bis zu einem gewissen Punkt ist das verständlich, denn niemand kann ständig die ganze Komplexität der Welt im Kopf behalten. Manchmal braucht auch das Gehirn Urlaub. Problematisch wird es dann, wenn komplizierte Themen nicht nur vereinfacht, sondern auch in moralische Lager aufgeteilt und dadurch Feindbilder geschaffen werden. Dann entstehen Geschichten von den Guten und den Bösen, in denen Widersprüche einfach unter den Tisch gekehrt werden. Falsche Vereindeutigung ist nicht nur unsympathisch – das Problem ist auch, dass Schubladendenken die schlechten Dinge dieser Welt noch mehr verfestigt.

Unsere Gesellschaft ist in vielerlei Hinsicht geprägt von Zumutungen: von den angeblichen Sachzwängen von Kapitalismus, Leistung, Konkurrenz und Nation und von Ausgrenzung und Abwertung in Form von Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Behindertenfeindlichkeit und und und. Aber wer wie wir diese Dinge in Frage stellt, gilt schnell als unrealistisch oder naiv. Gerade rechte Bewegungen profitieren von diesem Denken. Ihr politisches Programm besteht oft genau darin, die komplexen Konflikte der Gegenwart auf einfache Gegensätze zu reduzieren: wir gegen die. Ordnung gegen Chaos. Das Volk gegen die Fremden. In diesem Sinne ist Autoritarismus die drastischste Form falscher Eindeutigkeit. Extremes Schubladendenken. Deshalb ist die AfD auch keine »Alternative«, sondern verkauft Alternativlosigkeit als politisches Konzept. Und darum brauchen wir dringend mehr Denken außerhalb bequemer Schubladen. Wir brauchen Widerspruch und Zweifel.

Widersprüche auszuhalten heißt nicht: Alles ist egal
Eine Sache ist uns dabei wichtig: Zweifel bedeutet nicht Beliebigkeit. Es gibt Fakten. Es gibt Gewalt. Es gibt politische Projekte, die auf Ausgrenzung und Unterdrückung beruhen. Zwischen diesen Positionen braucht es keinen gleichberechtigten Stuhlkreis oder eine neutrale Mitte, sondern einen klaren Standpunkt und harte Abgrenzung. Unsere Aufforderung zum Zweifeln ist keine dazu, diese Haltung aufzugeben. Denn es gibt wahr und falsch, gut und schlecht, das Streben nach einer besseren Welt und den menschenfeindlichen Hass auf Schwächere. Ambiguitätstoleranz bedeutet deshalb nicht, alles gleich richtig zu finden, sondern genauer hinzuschauen: Welche Fakten sind gesichert? Welche Interpretationen sind möglich? Welche Werte stehen dahinter? Erst wenn wir diese Ebenen auseinanderklamüsern, kann politische Auseinandersetzung überhaupt produktiv werden. Deshalb ist Widersprüche auszuhalten mehr als eine persönliche Eigenschaft: Als politische Fähigkeit hilft sie dir, Manipulation zu erkennen, weil einfache Parolen ihre Wirkung verlieren. Sie hilft dir, bessere Entscheidungen zu treffen, weil mehr Perspektiven sichtbar werden. Und sie hilft dir auch dabei, eine solidarische Politik zu entwickeln, die nicht nur die eigene Gruppe im Blick hat.

Wir sind gegen Krieg. Wir sind für den Feminismus. Wir sind gegen Kapitalismus. Wir sind für Gerechtigkeit. Wir sind gegen Egoismus und für ein solidarisches Miteinander. Wir sind für eine linke Bewegung und den Kommunismus. Aber wir glauben eben nicht, dass damit schon alles gesagt ist. Diese Positionen sollten nicht das Ende eines Arguments sein, sondern eher ein Ausgangspunkt für neue Fragen. Denn eine Welt, die von Konkurrenz, Ungleichheit und Krisen geprägt ist, wird sich nicht durch einfache Antworten verändern lassen. Wenn wir heute als Antimilitarist:innen, Feminist:innen und Linke solidarisch durch diese beschissene Zeit gehen, dann sollten unsere Argumente zumindest das sein: auf Höhe dieser beschissenen Zeit. Wir glauben, dafür braucht es manchmal mehr Zweifel, mehr Widersprüche und mehr Bereitschaft, diese auszuhalten. Mit diesem Zeitungsprojekt versuchen wir das seit Jahren und mit dieser Ausgabe ganz explizit. Nicht weil wir denken, dass Zweifel alles löst. Sondern weil wir glauben, dass linke Politik, die eine bessere Welt schaffen will, die Widersprüche dieser Welt ernst nehmen muss. 

Zum Weiterlesen:

Theodor W. Adorno, Else Frenkel-Brunswik, Daniel Levinson & Nevitt Sanford: Studien zum autoritären Charakter. 1950. 25 €.

Leon Festinger: Theorie der kognitiven Dissonanz. 1957. 30 €.

Karl Meyerbeer: Worüber wir streiten müssen. Konflikte, Spaltungen und Gemeinsamkeiten in der radikalen Linken. 2026. 12 €

Ali Almossawi: Das illustrierte Buch der schlechten Argumente. 2017.

Heidi Möller & Jannik Zimmermann: Zur Bedeutung der Ambiguitätstoleranz in stürmischen Zeiten. In: Gruppe. Interaktion. Organisation. Zeitschrift für Angewandte Organisationspsychologie. 2024.