Heidi Reichinnek spricht mit uns über Reform, Revolution und ihre Zweifel

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»Das ist keine Klassenkampf-Rhetorik, das ist Klassenkampf-Praxis«

Heidi Reichinnek ist Politikerin und sitzt seit 2021 für die Linkspartei im Bundestag, seit 2025 ist sie Fraktionsvorsitzende. Daneben ist die Nahostwissenschaftlerin ein Internetphänomen: Über 1,5 Millionen Menschen folgen ihr auf Instagram und Tiktok, wo sie regelmäßig politische Debatten und Themen kommentiert.

SaZ: Heidi, diese Ausgabe dreht sich um Widerspruch und Zweifel. Wir fragen, welches Potential darin liegt, vermeintlich Widersprüchliches nicht aufzulösen, sondern nebeneinander stehen zu lassen. Wir suchen nach Zwischentönen, dritten Perspektiven und üben uns am konstruktiven Zweifeln. Die SaZ ist nicht dafür bekannt, eine große Freundin der Parteipolitik zu sein. Trotzdem haben wir dich um ein Interview gebeten – schließlich wollen auch wir uns darin üben, Widersprüche auszuhalten. Umso mehr: schön, dass du mitmachst.

Welchen Wert haben Widersprüche für dich? Was ziehst du aus Widersprüchen?

Heidi Reichinnek: Widersprüche sind für mich eine Möglichkeit, meine eigenen Vorstellungen und Ideen zu reflektieren und neue Erkenntnisse zu gewinnen. Natürlich braucht es wie bei jeder Debatte einen Rahmen, in dem die Widersprüche stattfinden. Dann haben sie aber einen unverzichtbaren Wert für die Weiterentwicklung, aber auch die Festigung der eigenen Position.

Welche Rolle spielen Zweifel für dich? 

Ich finde, es ist gut, wenn man ab und an mal an sich zweifelt und nicht davon ausgeht, dass man sowieso schon alles weiß und alles kann. Das hat ja auch was mit Bescheidenheit zu tun und damit, dass man anerkennen kann, dass es immer Raum für Verbesserung und Weiterentwicklung gibt. 

Gibt es Widersprüche zwischen dir als Privatperson und dir als Politikerin? 

Der größte Widerspruch ist wahrscheinlich, dass ich als Privatperson überhaupt nicht gerne im Rampenlicht stehe, sondern am liebsten einfach irgendwo in Ruhe ein Buch lese und Zeit mit den Menschen verbringe, die mir besonders wichtig sind. In der Politik musst du immer präsent sein, immer dagegenhalten, angriffslustig sein. Ich kann das, aber es wäre doch schön, man würde mit dem besseren Argument Aufmerksamkeit bekommen und nicht mit der krassesten Schlagzeile. 

Hattest du schon mal Begegnungen oder Gespräche mit Menschen, bei deren Haltung oder Aussagen du zunächst Abwehrimpulse hattest und dann doch feststellen musstest: »Moment mal, da ist was dran, da nehm ich was mit«? 

Ich versuche, schon immer so auf Menschen zuzugehen, dass ich mir ihre Meinungen und Überzeugungen erstmal anhöre und versuche zu verstehen, wie sie dazu gekommen sind und wie sich das entwickelt hat. Grundsätzlich ist es immer sinnvoll, das in die eigenen Betrachtungen mit einzubeziehen. 

Du bist auf TikTok und Instagram erfolgreich mit linker Politik, aber sind die Plattformen mit ihren Algorithmen und kurzen Formaten nicht eigentlich das Gegenteil von dem, was wir für differenzierte Politik brauchen?

Es ist ein Weg von vielen, mit Menschen in Verbindung zu treten, ins Gespräch zu kommen und die eigenen Positionen zu präsentieren. Ich finde es zentral, dass das, was man sagt, auf Fakten basiert und man das auch nachweisen kann, damit die Leute das auch nachlesen können. Und dass man nicht nur Probleme benennt, sondern insbesondere auch Lösungen präsentiert. Das ist für mich eigentlich der Punkt, auf den es ankommt. 

Wie divers ist eigentlich der Content, den du dir auf Social Media anschaust? Versuchst du, den Algorithmus bewusst auch mal zu durchbrechen und die angezeigten Inhalte zu diversifizieren? 

Ich bin natürlich mit den gleichen Algorithmen konfrontiert wie ihr auch alle. Kaum schaut man zwei oder drei Videos zu einem Thema, ist der Feed plötzlich voll damit. Ich habe meinen politischen Account, aber auch einen privaten und der ist natürlich auf meine privaten Interessen zugeschnitten. Aber ich mache da jetzt auch keine Feindbeobachtung und gucke mir dann nicht gezielt an, was sich in anderen Bubbles abspielt. Da verliert man sich sonst zu schnell.

Wie viel Ambiguität und Widerspruch kann und sollte eine linke Partei aushalten? 

Wir sind eine Partei, keine Sekte und deswegen ist es wichtig, dass wir miteinander diskutieren und nicht alles als gegeben ansehen, sondern dass es auch Prozesse gibt, um die eigene Position immer wieder zu überdenken. Die Welt entwickelt sich weiter und von daher ist es auch eine Stärke von Parteien, dass verschiedene Fragen kontrovers miteinander diskutiert werden. Ich würde mir wünschen, dass diese kontroversen internen Diskussionen nicht von außen immer als Drama dargestellt werden, denn wie soll man denn weiterkommen, wenn nicht dadurch, dass man miteinander diskutiert? Und natürlich nehmen Themen, bei denen es große Einigkeit gibt, in den Debatten kaum Raum ein. Das ist eigentlich ziemlich schade, denn oft sind das ja genau die Kernthemen, die man nach vorne stellen will. 

An welchen Positionen innerhalb deiner Partei zweifelst du persönlich?

Ich habe natürlich keine hundertprozentige Übereinstimmung mit meiner Partei, das ist auch gar nicht möglich und völlig in Ordnung so. Als Politikerin vertrete ich aber das Parteiprogramm. Auf dieser Basis wurde ich genauso wie alle anderen gewählt und daran halte ich mich. 

Mal ehrlich: Glaubst du an die Revolution oder arrangierst du dich längst mit Reformen im System? Wie revolutionär kann man sein, wenn man Teil des parlamentarischen Systems ist? 

Ich halte es mit Rosa Luxemburg – wir brauchen die Revolution, um die Verhältnisse zu ändern, aber auf dem Weg dahin müssen wir alles tun, was möglich ist, um das Leben der Menschen zu verbessern. Das klingt am Ende aber einfacher als es ist. Man darf sich nie auf Reformen ausruhen, das Ziel bleibt es, das Wirtschaftssystem so zu gestalten, dass es den Menschen dient. Und zwar allen und nicht einer kleinen, besitzenden Klasse. Davon sind wir aktuell leider sehr weit entfernt. Und wenn wieder jemand meckert: Nein, das ist keine Klassenkampf-Rhetorik. Das ist Klassenkampf-Praxis. 

Wie viel Widerspruch musst du als Linke in einem von Union und SPD geführten Parlament aushalten? Und wie hältst du das aus?

Der größte Widerspruch ist für mich, dass es immer wieder heißt, man wolle Menschen entlasten, etwas für Kinder, Rentner:innen, Arbeitende – such dir irgendeine Gruppe aus – machen und dann wird es nur schlimmer. Weil man angeblich kürzen muss, weil kein Geld da ist, weil die Schuldenbremse heilig ist und Überreiche unantastbar sind. Das höre ich jeden Tag und es macht mich so unfassbar wütend. Jedes wichtige Ziel – Klimaschutz, Inklusion, Integration, auch hier kann sich jede:r was aussuchen – wird geopfert, weil niemand außer uns die Verteilungs- und Eigentumsfrage stellt. Dabei sehe ich bei allen demokratischen Parteien engagierte Menschen, ich frage mich eher – wie halten die das aus?