Wir nicht. Und du auch nicht, nachdem du das gelesen hast.
Manche Gespräche beginnen harmlos und eskalieren plötzlich so krass, als würden nicht nur Freund:innenschaften, sondern der Weltfrieden selbst davon abhängen. Gespräche über Palästina und Israel haben dieses Potenzial. Dabei ist es doch so einfach, eine anständige Haltung dazu zu haben, oder? ODER?! Fällt es dir leicht, darauf zu antworten? Dann ist dieser Text für dich. Und wenn es dir schwerfällt, dann erst recht.
Die einen schreiben »Free Palestine!« in ihren Status, die anderen »Stand with Israel!« – damit sind die Fronten geklärt. Beide Aussagen sind kurz und eindeutig, sie passen auf Plakate, Shirts oder Sticker. Aber mal ehrlich: Ein Konflikt, der seit Jahrzehnten schwelt, Millionen Menschenleben prägt, aufgeladen ist mit Religion, Kolonialgeschichte, Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus, lässt sich nicht in einen Hashtag pressen. Wer glaubt, es wäre eindeutig, hat es sich ziemlich bequem gemacht.
Zeit für etwas Zweifel. Denn nur wenn wir regelmäßig an unserem Wissen, an Informationen und Glaubenssätzen zweifeln, ermöglichen wir uns Lernchancen und Weiterentwicklung. Disclaimer: Wir werden dir hier nicht den Nahostkonflikt erklären (können), sondern versuchen, verschiedene Blickwinkel sichtbar zu machen. Wir sagen dir auch nicht, was du zum Thema unbedingt lesen solltest, sondern wollen den Mehrwert dessen zeigen, widersprüchliche Infos aufzunehmen und auszuhalten. Also lass uns zusammen reingehen und ausprobieren, was Widerspruch und Zweifel konkret für die Betrachtung des Nahostkonflikts bedeuten.
Kannst du das aushalten?
Schaffst du es, das zu lesen, ohne diese Zeitung wütend in den Müll zu schmeißen?
- Am 7. Oktober 2023 verübte die Hamas ein Massaker an Zivilist:innen – mit über 1.200 Toten und Hunderten Geiseln ist es das größte Verbrechen an Jüdinnen und Juden seit 1945.
- Nach dem 7. Oktober 2023 tötete das israelische Militär Zehntausende Zivilist:innen in Gaza.
- Hamas-Terroristen haben (Todes-)Opfer des Massakers am 7. Oktober sowie Geiseln vergewaltigt.
- Israelische Soldat:innen haben bei Hilfslieferungsausgaben auf unbewaffnete palästinensische Zivilist:innen, darunter auch Kinder, geschossen und sie so getötet.
- Die Idee des Zionismus ist entstanden, weil Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt verfolgt und ermordet wurden. Ihm liegt die Sehnsucht nach einem sicheren Ort zugrunde, der nicht vom Wohlwollen einer nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft abhängt.
- Die Idee des palästinensischen Staates ist durch die Gründung Israels entstanden. Auch eine palästinensische Identität hat sich erst dadurch entwickelt.
- Die Gründung des Staates Israel war eine Konsequenz aus der Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden, damit so etwas wie die Shoah nie wieder geschehen kann.
- Etliche Palästinenser:innen wurden als Folge der israelischen Staatsgründung aus ihrer Heimat vertrieben. Ihnen wurden gewaltvoll ihre Häuser, ihr Land und ihre Lebensgrundlage genommen.
- Antisemitismus ist auch im Nahen und Mittleren Osten sehr verbreitet. Die meisten arabischen Staaten erkennen Israel bis heute nicht an, weil es ein jüdischer Staat ist.
- Rassismus ist auch in Israel sehr verbreitet. Er zeigt sich nicht nur gegenüber Menschen aus den palästinensischen Gebieten, sondern auch gegenüber palästinensischen Israelis und arabischen Jüdinnen und Juden.
- In palästinensischen Schulen sind antisemitische Inhalte und Feindbildpflege oft Teil des regulären Unterrichts.
- Es gibt immer wieder rassistische Mobs, die durch Israel und die besetzten Gebiete ziehen und wahllos Araber:innen jeden Alters bedrohen, angreifen, sie aus ihren Häusern vertreiben und auch töten, ohne dafür bestraft zu werden.
- Terroranschläge durch Palästinenser:innen sind in Israel seit vielen Jahrzehnten Realität. Zum Ziel wurden dabei vornehmlich Zivilist:innen.
- Intifada ist arabisch und bedeutet so viel wie »Aufstand«, »abschütteln« oder »sich erheben«. Der politische Begriff bezeichnet eine Rebellion gegen Unterdrückung und Fremdherrschaft. Im Wort an sich steckt keine Aussage über Gewalt oder Terror.
- Es gab bisher zwei große Intifadas gegen Israel und beide waren von Selbstmordattentaten und Terror geprägt. Für Israelis ist dieser Begriff fest mit tödlicher Gewalt verbunden.
- Israel wird aktuell von ultraorthodoxen, rechtsextremen, ultranationalen Kräften regiert, die nicht an einer gerechten Lösung für alle interessiert sind.
- Die Hamas ist eine Terrororganisation, die nicht an einer gerechten Lösung für alle interessiert ist. Sie unterdrückt und tötet Palästinenser:innen, die das anders sehen.
- In Palästina gab und gibt es unterdrückte Protestbewegungen gegen die Hamas und ihr Terrorregime, auch schon vor dem 7. Oktober.
- In Israel gab und gibt es breite Protestbewegungen gegen Netanjahu und seine Politik, auch schon vor dem 7. Oktober.
Alles davon ist gleichzeitig wahr. Es geht nicht darum, alles auf eine Ebene zu heben und miteinander zu vergleichen oder zu rechtfertigen. Und genau das macht es so schwer. Für jeden Punkt in diesem Artikel müssten wir eigentlich 87 weitere Einsprüche, Randbemerkungen oder Ergänzungen einfügen. Das kann dieser Text nicht leisten und wir alle müssen uns damit anfreunden, dass er ganz und gar unvollständig ist. Es geht uns aber auch gar nicht um Vollständigkeit, sondern darum, die vielen Dimensionen und Widersprüche ein wenig sichtbar zu machen.
Geschichte ist kein Meme
»Israel ist ein Kolonialstaat, alle sagen das!« Stimmt das? Jein.
Die israelische Staatsgründung 1948 geschah unter kolonialer Aufsicht und mit Gewalt. Das Gebiet gehörte damals den Briten und die zogen Grenzlinien auf Karten. Eigentlich klassische Kolonialpolitik, aber dennoch anders – denn bis heute finden sich jahrhundertealte Spuren jüdischer Kultur in Jerusalem, Hebron, Safed oder Tiberias. Viele jüdische Menschen begreifen die Gründung Israels nicht als koloniale Eroberung, sondern als Rückkehr in ein Land, aus dem ihre Vorfahr:innen vertrieben wurden.
Auch Palästina war kein Niemandsland: Vor dem Ersten Weltkrieg war die Region Teil des Osmanischen Reichs; seit Generationen lebten dort arabische Familien. Schon im 19. Jahrhundert flohen viele jüdische Menschen vor Pogromen in Osteuropa nach Palästina. Viele kauften dort ganz legal Land und machten es nutzbar. Durch den Ersten Weltkrieg wurde das Gebiet britisch und nach dem Zweiten Weltkrieg teilten die Vereinten Nationen schließlich die Region nach dem Plan einer Zwei-Staaten-Lösung: ein jüdischer Staat und ein arabischer Staat. Klingt nach Kompromiss, war aber ein kolonialer Eingriff ohne Mitspracherecht der Bevölkerung.
Als Israel 1948 seine Unabhängigkeit erklärte, eskalierte alles. Die arabischen Nachbarstaaten griffen an. Israel gewann militärisch. Etliche Palästinenser:innen wurden vertrieben oder flohen aus Israel, sie verloren ihr Zuhause. Aus palästinensischer Perspektive: die Nakba – Katastrophe. Gleichzeitig flüchteten etliche jüdische Menschen aus den umliegenden arabischen Ländern nach Israel, da sie bedroht und angegriffen wurden. Aus israelischer Perspektive: die Geburt eines sicheren Heimatlandes. Seitdem ist dieses Land, das zwei Geschichten in sich trägt, ein Ort ohne Ruhe. Und wer nur eine der beiden erzählt, macht Geschichte zum Meme.
Fuck Netanjahu. Fuck Hamas.
Wir müssen aufhören, ganze Gesellschaften mit ihren Regierungen gleichzusetzen. Du bist ja auch nicht Friedrich Merz. Gleichzeitig sind Regierungen nicht vom Himmel gefallen, sondern spiegeln immer auch Teile ihrer Gesellschaft wider. Viele Deutsche finden die CDU okay. In Israel haben 2022 rund eine Millionen Menschen die Partei Likud und damit Netanjahu gewählt. Die Hamas ist 2006 mit 44 % gewählt worden und hat seitdem erneute Wahlen verhindert. Nach dem Massaker am 7. Oktober ist die Zustimmung zur Hamas sogar gestiegen. Und der Vollständigkeit halber: auch die für Netanjahu. Das ist unbequem, aber Realität.
Heißt das, alle tragen die gleiche Verantwortung? Natürlich nicht. Aber wir können uns nicht damit beruhigen, dass es auf einer Seite ausschließlich völlig unbeteiligte Opfer gäbe. Unsere Aufgabe ist es, genau hinzusehen: Wer kämpft wo für Frieden, wer widersetzt sich Hass und Gewalt? Mit diesen Menschen sollten wir uns verbünden. Und das ist weder die Hamas noch die israelische Regierung.
Auch wenn es ratsam ist, sich von beiden Mächten deutlich abzugrenzen, so soll hier dennoch nicht der Eindruck entstehen, die Likud-Partei und die Hamas wären in irgendeiner Weise das Gleiche: Die Hamas ist eine Terrororganisation, die die palästinensische Bevölkerung unterdrückt und ihr Leid zufügt. Der Likud ist eine gewählte Partei in einem demokratischen Parlament, die (noch) einem Rechtssystem unterstellt ist. Differenzieren heißt nicht gutheißen.
Gewalt gegen Unschuldige ist Teil des Konflikts – wir müssen diese wahrnehmen und verurteilen, auch wenn sie nicht ins eigene Weltbild passt. Und solange Hamas und Likud samt Netanjahu an der Macht sind, ist kein Ende der Gewalt in Sicht.
Fang an zu verzweifeln
Auch wir haben viel gezweifelt. Können wir diesem Thema gerecht werden? Etwas Konstruktives beitragen? Sollten wir linke Grabenkämpfe miteinbeziehen oder den Fokus auf den Konflikt im Nahen Osten legen? Sollten wir es lieber lassen? Oder würden wir es uns zu leicht machen, gerade diesen Konflikt in einer Ausgabe zu Widersprüchen auszusparen?
Zweifeln schützt uns davor, verbohrte Arschlöcher zu werden. Es geht uns nicht um Unsicherheiten, Rückgratlosigkeit oder Selbstzweifel, sondern um Zweifeln im besten Sinne: hinterfragen, neu prüfen, stutzig werden, andere und neue Deutungen an sich heranlassen. Gerade bei Linken sollte das ein alltägliches Werkzeug sein. Leider beobachten wir oft das Gegenteil: Die Überzeugung, auf der richtigen Seite zu stehen, lässt jeden Zweifel verkümmern, jede widersprüchliche Situation vereindeutigen, jede andere Perspektive als feindlich erscheinen.
Auf palästinasolidarischen Demos laufen sichtbar Antisemit:innen und Terror-Befürworter:innen mit. Auf israelsolidarischen Demos begegnet man Rechten und Rassist:innen. Und dazwischen stehen Linke, die das nicht zum (Ver-)Zweifeln bringt, sondern die das ausblenden und leugnen.
Einige deiner besten Freund:innen sind antisemitisch und rassistisch
Antisemitismus hat im Nahen Osten Geschichte (die übrigens mit dem deutschen Nationalsozialismus verknüpft ist) und existiert in erschütterndem Ausmaß: Es ist kein Zufall, dass die meisten arabischen Länder bis heute keinen Frieden mit dem einzigen jüdischen Staat dieser Erde wollen. Die Hamas hat die Auslöschung Israels in ihrem Gründungspapier stehen und befeuert den Antisemitismus in Gaza. Seit Jahrzehnten werden dort Kinder ab ihrer Geburt mit Judenhass indoktriniert. Für Israelis ist die Bedrohung durch Antisemitismus kein abstraktes Schlagwort, sondern tägliche Realität: Regelmäßig werden Raketen auf Israel abgefeuert, nicht erst seit dem 7. Oktober. Ohne das israelische Luftabwehrsystem, den Iron Dome, würde das Land nicht mehr existieren.
In den letzten Jahrzehnten haben rechte wie rechtsextreme Stimmen und Parteien in Israel an Kraft gewonnen. Ultraorthodoxe Gruppen sind einflussreicher geworden und setzen sich für ein Großisrael ein: Statt einer Zweistaatenlösung beanspruchen sie das ganze Land, teils sogar Gebiete darüber hinaus. Viele Israelis betrachten die Palästinenser:innen nicht auf Augenhöhe, sondern entmenschlichen sie. Menschenverachtende Sprache hat Einzug in das israelische Parlament und den öffentlichen Diskurs gefunden. Die erschreckend brutale Siedlergewalt hat massiv zugenommen und wird oft vom israelischen Rechtssystem geduldet. Kurzum: Der Rassismus grassiert.
Und auch du und deine Antifa-Gruppe, Nachbarschaftsinitiative, Lerngruppe oder linke Kneipe sind nicht vor Antisemitismus und Rassismus gefeit. Gerade für Antisemitismus sind viele nicht sehr sensibel, weil sie ihn nicht erkennen – und oft sogar glauben, dass Linke nicht antisemitisch sein könnten.
In Deutschland wird Antisemitismus gerne nach außen verlagert. Linke verorten ihn lieber auf der rechten Seite und überhören gekonnt, wenn beim Antifa-Stammtisch »Zionazi« und ähnliche antisemitische Schlagworte fallen. Das bürgerliche Lager wälzt das Problem hingegen auf »die migrantischen Demos« ab und ist beruhigt, wenn die Cops diese mit extremer Gewalt niederknüppeln. Selbstverständlich stehen wir nicht auf deren Seite. Gleichzeitig ist es gerade oft nur die Polizei, die Synagogen vor Anschlägen schützt (und selbst das nicht gut, wie beim Halle-Anschlag). Das ist wichtig, und trotzdem sind die Cops nicht unsere Freund:innen – ein weiterer unangenehmer Widerspruch für Linke.
Dass es den meisten mit Regierungsverantwortung nicht wirklich um den Kampf gegen Antisemitismus geht, wird spätestens an den massiven Mittelkürzungen für Bildungsarbeit gegen Antisemitismus deutlich. Die einzige Strategie in Deutschland ist gerade Repression, am besten gegen die vermeintlich Richtigen. Antisemitismus ernst zu nehmen heißt aber eben nicht, ihn als Keule gegen »die anderen« zu missbrauchen und ansonsten gekonnt zu übersehen – Selbiges gilt für Rassismus.
Na toll. Und jetzt?!
Wir haben eine grundsätzliche Kritik an Nationalstaaten und glauben, dass wir ein Ende der Gewalt nur durch ein Ende von nationalem Denken erreichen können. Wie also sollen wir auf einen Konflikt schauen, der um Staatsgründung, Staatsgewalt und nationale Ansprüche kreist?
Klartext: Israel ist eine Demokratie und gleichzeitig eine Besatzungsmacht. Die Hamas ist aus einer Widerstandsbewegung hervorgegangen und gleichzeitig eine Terrororganisation. Sowohl palästinensische als auch jüdische Menschen sind Opfer von Vertreibung. Es gab und gibt Palästinser:innen und Israelis, die sich mit blutiger Gewalt aktiv gegen einen Friedensprozess gewendet haben – und gleichzeitig solche, die aktiv für Frieden und Koexistenz einstehen. Und es gibt weltweit Menschen, die nichts mit dem Konflikt zu tun haben, aber aufgrund ihrer Religion oder Herkunft dafür verantwortlich gemacht und attackiert werden.
Es geht nicht darum, sofort die »richtige« Meinung zu haben. Sondern darum, den Reflex zu durchbrechen, sofort Team A oder Team B zu wählen. Mehr zuzuhören und Quellen zu checken. Und zu akzeptieren, dass manche Konflikte nicht in eine Insta-Story passen. Vor allem müssen wir aufhören, anderen Linken Faschismus vorzuwerfen, nur weil sie slightly anderer Meinung sind. Wir brauchen Empathie und die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten, ohne gleichgültig zu werden. Klar gibt es rote Linien in einer Diskussion, die wir ziehen sollten. Aber darüber hinaus dürfen wir uns auch mal wieder mit Wohlwollen begegnen. Uns bemühen, eine gemeinsame Basis zu finden, auf der wir eine Debatte aufbauen können. Was verbindet uns? Mehr Sowohl-als-auch statt Entweder-oder. Anstelle von »Wir haben die Lösung«: Wir weigern uns, die falschen Lösungen mitzumachen. Wir müssen raus aus der Staat-gegen-Staat-Logik, weil Nationalstaaten in der Regel nicht nach unseren Interessen handeln. Ein Ende des Nationalismus ist zwar wünschenswert, aktuell aber nicht in Sicht. Lasst uns also damit arbeiten, was wir haben: Solidarität mit allen Menschen, die sich gegen Gewalt stellen und für ein friedliches Miteinander einsetzen. Die gibt es in Palästina und die gibt es in Israel.
Zum Weiterlesen:
Hamza Howidy: Muscheln am Strand von Gaza. 2026. 24 €.
Zum Reinfolgen:
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